"Harold
und Maude" ist einer der ganz großen Kultfilme, der inzwischen schon
fast die erste Generation seiner fanatischen Anhängerschaft überlebt
hat und noch immer zahllose Fans findet, die ihn wieder und wieder ansehen,
sich im Internet treffen, ihre Ideen und Vermutungen auch über kleinste
Details austauschen und sich mit der Botschaft von Freiheit und Selbstverwirklichung
ebenso identifizieren wie ihre Väter und Mütter vor fast 30 Jahren.Dabei
ist Hal Ashbys Film ein hundertprozentiges Kind seiner Entstehungszeit. Vorausgegangen
waren die Jahre, als die erste Apollocrew auf dem Mond landete, sowjetische
Panzer den Prager Frühling zerschlugen, Martin Luther King und Robert
F. Kennedy ermordet wurden, die Vietnam-Proteste ihren Höhepunkt erreichten,
aufgebrachte Studenten durch Frankreich und Homosexuelle durch New York marschierten.
Eine neue Generation hatte begonnen, sich von den Sünden ihrer Väter
loszusagen. Als Demonstration ihres Lebenswillens versammelten sie sich in
Woodstock zu einem Hippie-Festival, das Geschichte machte. Während jener
Jahre änderte
sich auch das Profil amerikanischer Filmproduktion. Das Hollywood-Establishment
goss seine Oscars noch über so großkalibrige Streifen wie "Patton"
aus, als mit Dennis Hoppers "Easy Rider", Arthur Penns "Bonny
und Clyde", Bob Rafelsons "Five Easy Pieces", und Stanley Kubricks
"Uhrwerk orange" schon längst eine andere Zeit anbrach. Man muss
"Harold und Maude" also vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund
sehen, um von der scheinbaren Absurdität dieser Story zu der anarchistischen
Qualität
des Films vorzustoßen, die Zuschauer in aller Welt bis zum heutigen Tag
fasziniert und dazu Exzesse animiert, die in der Filmgeschichte ohne Parallele
stehen. Dass es zur Zeit der Herstellung des Films im Umfeld eines großen
konservativen Hollywood-Studios Leute gegeben hat, die geradezu hellseherisch
diese Dimension erkannt haben, ist eine jener unwahrscheinlichen Wunder, denen
ab und zu für das Produktionssystem ganz und gar untypischen Filme ihre
Entstehung verdanken. Der Autor von "Harold und Maude", Colin Higgins,
hatte die Story als Student an der UCLA im Rahmen einer Examensarbeit zunächst
als Kurzgeschichte zu Papier gebracht und dann zu einem Skript für einen
Kurzfilm von etwa 20 Minuten Länge verarbeitet. Wie viele seiner Kommilitonen
jobbte Higgins unter anderem als "Poolboy", um sein Studium zu finanzieren.
Zu den Kunden, denen er regelmäßig den Swimmingpool reinigte, gehörte
auch der Filmproduzent Edward Lewis ("Spartacus", "Grand Prix"
etc.). Als Colin Higgins eines Tages wieder einmal das Laub aus dessen Schwimmbecken
fischte, erzählte er Lewis´ Ehefrau Mildred von seinem Filmstoff
und die Produzentengattin zeigte sich von der so unkonventionellen Lovestory
sofort begeistert.
Mildred
Lewis gründete sogar umgehend eine Produktionsgemeinschaft mit Higgins, um
"Harold und Maude" ins Werk zu setzen. Über Howard B. Jaffe, dessen
Bruder Stanley R. Jaffe zu jener Zeit für Paramount produzierte, kam das
Drehbuch zu Peter Bart, der damals die rechte Hand von Paramount-Produktionschef
Robert Evans war, (und heute übrigens Chefredakteur des Branchenblattes "Variety"
ist). Bart trug das Vorhaben schließlich seinem Chef an, der indes seinen
Ohren nicht traute...
"Ein
18 jähriger treibt es mit einer 80 jährigen !!!" - in dieser
simplifizierten Verkürzung war das in der Tat eine Story, welche die mächtigen
Executives des damaligen Hollywood nur zum Kotzen bringen konnte. Die erste Reaktion
von Robert Evans war genau das, was man angesichts eines so unorthodoxen Stoffes
erwarten musste: Nachdem ihm Bart kurz den Inhalt geschildert hatte, wollte Evans
das Drehbuch schon gar nicht mehr sehen. Der Mann, der sich gerade anschickte,
mit einem so konventionell gestrickten Schnulzenhit wie "Love Story"
die altehrwürdige Paramount vor dem drohenden Ende zu bewahren, hatte für
eine derart subversive und exzentrische Liebesgeschichte wie die von "Harold
und Maude" rein gar nichts übrig. Unter so enormem Erfolgsdruck stehend
brauchte Evans jetzt dringend einen "sicheren Hit" - aber beileibe keinen
so absurden Stoff, den zu verfilmen doch wohl an Selbstmord grenzte. Rob Evans
weigerte sich kategorisch. "Peter, ich lese es nicht ! Erzähl mir
nicht, wie großartig es ist ! Ich will es nicht hören. Selbst wenn
es aus Shakespeares Gruft gebuddelt worden ist und noch keiner es zu Gesicht bekommen
hat, ich werde es nicht lesen." Evans hat das Buch natürlich doch
gelesen und sich bei den Paramount-Eignern Gulf + Western Industries am Ende sogar
sehr für den Film eingesetzt. Allerdings konnte er dabei nicht umhin, selbstbelustigt
zu kommentieren: "Ich werde dafür gefeuert werden. Ein unbekannter
Regisseur, ein Poolboy als Autor, zwei unmöglich zu besetzende Rollen, Zeit
für die Zwangsjacke." Die "unmöglich zu besetzenden Rollen"
sollten schließlich eine Idealbesetzung finden, wie sie selten einem Filmstoff
zuteil wurde. Jener "Poolboy" machte eine Karriere als Autor und Regisseur,
und auch der "unbekannte Regisseur" Hal Ashby machte sich sehr bald
einen klangvollen Namen, der sich in den folgenden Jahren noch an viele Filmerfolge
heften sollte. Dabei war Ashby aber auch schon vor "Harold und Maude"
alles andere als ein Anfänger im Filmgeschäft gewesen. 1957 hatte ihm
das Arbeitsamt einen Job als als Bürogehilfe bei Universal verschafft, wo
er bloß einen Vervielfältigungsapparat zu bedienen hatte. Viel interessanter
fand Ashby jedoch, was in den Schneideräumen gewerkelt wurde. Vom Schnittassistenten
arbeitete er sich ziemlich schnell zum Cutter hoch und zeichnete in den 60er Jahren
schon verantwortlich für die Montage von so großen Filmen wie "The
Cincinnati Kid (1965)" und "The Thomas Crown-Affair" ("Thomas
Crown ist nicht zu fassen", 1968). Für "The Russians are coming
! The Russians are coming !" ("Die Russen kommen ! Die Russen kommen",
1966) erhielt Ashby seine erste Oscar-Nominierung, und für "In the Heat
of the Night" ("In der Hitze der Nacht", 1967) die Trophäe
selbst. Die vorgenannten Filme waren übrigens alle unter der Regie von Norman
Jewison entstanden, und dieser war es 1970 auch, der Hal Ashby die Gelegenheit
bot, mit dem Film "The Landlord" ("Der Hausbesitzer") erstmals
selbst Regie zu führen. Ashby war also wirklich kein Greenhorn, als er die
Regie von "Harold und Maude" übernahm. In den Augen von Studiochef
Evans und dessen Adlatus Bart blieb das ganze Unternehmen auf Grund der vermeintlichen
Brisanz des Stoffes allerdings immer noch ein echtes "Himmelfahrtskommando".
Und so frotzelte Bart: "Wenn es nicht funktioniert, schieben wir die
Schuld auf Ashby und behaupten, er sei verrückt geworden". Worauf Rob
Evans sagte: "Muss er ja wohl sein, wenn er so was machen will".
Gute Laune bei den Dreharbeiten.
Regisseur Hal Ashby (zweiter von links) mit seinen Hauptdarstellern
Durchaus im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte - und auch mit einem glücklichen Händchen versehen - erwies sich Ashby beim Casting jenes "Alptraum-Paares" der Paramount-Oberen: Bud Cort, ein vom Regiekollegen Robert Altmann in einem New Yorker Nightclub entdeckter Zwanzigjähriger, spielte den Harold, und Ruth Gordon, die mit ihrer Rolle der Minnie Castavet in "Rosemaries Baby" soeben den Oscar gewonnen hatte, übernahm den Part der schrulligen Maude. Als "Harold und Maude" 1971 in die Kinos kam, wurde er von der amerikanischen Kritik als geschmacklose Travestie in der Luft zerfetzt. Seine riesige Fangemeinde konnte er sich erst im Verlauf der folgenden Jahre und Jahrzehnte aufbauen - dafür aber um so nachhaltiger. Was anfangs wie ein Flop aussah, wurde bald zu einem weltweiten Phänomen, für das das Prädikat "Kultfilm" zutrifft wie auf kaum einen anderen Film. In den Filmkunst- und Studentenkinos der sich entwickelnden "Off-Kino-Szene" wurde der Film zum festen Bestandteil eines stets aufs neue wiederholten Repertoires. Als man bei "Paramount" erkannte, dass sich der ursprüngliche Misserfolg in einen heimlichen Dauerbrenner gewandelt hatte, spendierte man dem Film 1978 eine Wieder- Aufführung, die dieses Mal viel mehr auf die richtige Zielgruppe ausgerichtet war. Bis 1983 hatte der Film dann auch endlich so viel eingespielt, dass die Produzenten dem Autor Colin Higgins und der Hauptdarstellerin Ruth Gordon nachträglich ihr Geld schicken konnten. Beide hatten, um dem Projekt auf die Beine zu helfen, auf feste Gagen zugunsten einer späteren Gewinnbeteiligung verzichtet - sofern es Profite denn geben werde. Und auch jener späte Lohn wäre Ruth Gordon beinahe entgangen, als die alte Dame ihren Scheck über 50.000 $ für ein Werbeschreiben des Readers Digest- Verlages hielt und ihn beinahe in die Mülltonne geworfen hätte.
Die bleibende Faszination, die von "Harold und Maude" ausgeht, schlägt sich heute auf Webseiten des Internet nieder, wo von Fans und "Haroldisten" eifrig "Haroldtrivia" ausgetauscht werden. Eine Verehrerin aus San Francisco kleidete dort jüngst ihr Gefühl in die einfachen Worte: "Es war mir nie aufgefallen, dass so viele Menschen meinen Lieblingsfilm auch mögen. Er lässt mich lachen, weinen und denken. Die meisten Filme tun keines von all dem, gewiss nicht alles auf einmal."
Der Film hat seine Macher überlebt. Ruth Gordon (bei den Dreharbeiten
bereits 76 Jahre alt) wirkte nach "Harold und Maude" noch in mehreren
Filmen mit hatte aber keine gleich dankbare Rolle mehr. Sie schrieb ihre Memoiren
und starb 1985 im Alter von fast 90 Jahren.
Bud Cort, dessen Name eigentlich Walter Edward Cox war, erlitt 1979 einen schweren
Autounfall, von dem er sich erst nach vielen Operationen und langen Krankenhaus
- Aufenthalten erholte. Seine Filmkarriere ist dabei auf der Strecke geblieben.
Er durfte nach der schier endlosen Pause nur noch in B-Movies spielen und versuchte
1991 ein Comeback in dem selbst inszenierten Film "Ted & Venus",
mit dem er jedoch weder beim Publikum noch bei der Kritik Erfolg hatte. Autor
Colin Higgins gelang ein großer kommerzieller Durchbruch mit der Actionkomödie
"Trans America Express" (1976) und der Gangsterparodie "Eine krumme
Tour" (1978), bevor er mit dem Musical "Das schönste Freudenhaus
in Texas" (1982) arg auf die Nase fiel. Higgins starb, erst 47 Jahre alt,
1988 an den Folgen von Aids. In demselben Jahr starb auch der Regisseur Hal Ashby,
nachdem er noch mehrere unorthodoxe, aber sehr erfolgreiche Filme gemacht hatte.
Außer dem wohl definitivsten aller Vietnam-Filme "Coming Home - Sie
kehren heim" (1978) mit Jane Fonda und John Voigt, gehören dazu "Das
letzte Kommando" (1973) mit Jack Nicholson, der Warren Beatty-Hit "Shampoo"
(1974) und die unvergessliche Mediensatire "Willkommen, Mr. Chance"
("Being theres" 1979) mit Peter Sellers. Doch keiner seiner Filmerfolge
brachte es zu einer so treuen und eingeschworenen Anhängerschaft wie "Harold
und Maude", von denen der Kölner Stadtanzeiger mit einem der Stimmung
des Films durchaus angemessenen Augenzwinkern schrieb, sie seien "das
denkwürdigste Kinopaar seit King Kong und der weißen Frau".
