Er lebt in Rio. Sein Erfolg als Sänger war nie größer als jetzt. Trotzdem ist er ein Einzelgänger geblieben, der sich niemandem angeschlossen hat. Ein alleinstehender Mann, der niemanden hat, mit dem er seinen Erfolg teilen kann.
Cat
Stevens 1978 - fragt man ihn, ob er glücklich ist, antwortet er: "Mir
geht es gut. Ich bin zufrieden. Ich habe fast alles bekommen, was ich wollte."
Fast alles ? Was fehlt denn noch ? "Ich möchte glücklich sein",
sagt Cat Stevens. Dieser Gesprächsschnipsel vermittelt wohl etwas von der
Kompliziertheit eines Mannes, der seit mehr als zehn Jahren ein Star ist und immer
noch zögert. Cat Stevens - ein Läufer, der die letzte Runde einer Marathon-Identitätskrise
nimmt. Stevens, gerade 30 geworden, bekam Tuberkulose, als er mit einer Reihe
von Pop-Singles wie "I love my Dog" und "Matthew and Son"
Erfolg hatte. Ein Jahr war er weg vom Fenster. In dieser Zeit unterzog er sich
einer harten Selbstprüfung - mit dem Resultat, daß er seine Art zu
leben und zu arbeiten radikal änderte. "Das war, als ich mir den Bart
stehen ließ, der jetzt zu meiner Identität geworden ist", sagt
er. "Im Krankenhaus habe ich sämtliche Spiegel mit Papier abgedeckt,
weil es für mich ein riesiges Problem war, mein wirkliches Ich zu finden.
Als ich dann schließlich das Papier abgenommen hatte, war der Bart da. Und
der passte genau. Ich glaube daran, daß man jedes Trauma positiv oder negativ
nutzen kann. Ich hätte nach meiner Krankheit zum Beispiel durchs Leben laufen
können und mir Sorgen darüber machen können, daß ich nicht
genug anzuziehen hatte. Aber statt dessen sagte ich mir: Gut, freu´ dich,
daß du am leben bist. Und damit habe ich einen Weg eingeschlagen, den ich
vorher nicht gekannt hatte."
Äußerlich bedeutete dieser Weg eine Reise nach Rio. Sonnenhungrig sprang
er ins Flugzeug, ohne eine Vorstellung zu haben, was ihn dort erwartet. Er war
so begeistert, daß er blieb. "Ich kam eine Woche vorm Karneval an und
überall auf den Straßen tanzten diese wahnsinnigen Leute. Ich dachte,
alle sind verrückt geworden. Dann hat es mich angesteckt und heute gibt mir
das Leben dort ungeheure kreative Impulse."
Als Sohn eines zypriotischen Vaters, der noch immer ein Restaurant im Londoner
Westend hat, und einer schwedischen Mutter, ist Cat empfindsam, aufnahmefähig
und, wie zehn Alben beweisen, ungemein talentiert.
Das ist die eine Seite des Stars Cat Stevens. Die andere sieht so aus: "Ich
bin schüchtern. Darum habe ich angefangen, Songs zu schreiben. Ich gehe gern
auf die Bühne, aber es macht mich gleichzeitig nervös. Ich habe Angst,
daß die Leute zu viel erwarten." Stevens sagt, die meisten Schuldgefühle,
die ihn früher gehemmt hätten, habe er inzwischen abgeschüttelt.
Eines davon war das viele Geld, das er verdiente.
Aber inzwischen stellt er viel davon wohltätigen Zwecken zur Verfügung
- er hat drei Wochen für UNICEF in Bangladesh gearbeitet. Sein letztes Album
"Izitso", sowohl in den englischen als auch in den amerikanischen Charts
und die Single "Old Schoolyard", ebenfalls auf dem Vormarsch in den
Hitparaden, sind ein Beweis dafür, daß sein beruflicher Erfolg nie
größer war. Im privaten Bereich ist er trotzdem immer noch der Einzelgänger.
Ein alleinstehender Mann, der niemanden hat, mit dem er seine Erfolge teilen kann.
"Richtig", sagt er, "und das belastet mich". Und warum macht
er trotzdem weiter ? Obwohl er reich genug ist und sich keine Sorgen machen braucht,
wovon er seine nächste Gitarrensaite kaufen soll ? Cat Stevens sagt: "Ja,
ich könnte heute aufhören, und ich habe immer gedacht, daß ich
das tun sollte. Aber es gibt noch soviel ungesagte Dinge. Es ist immer noch etwas
zu sagen. Erst dann, wenn du nichts mehr zu sagen hast, hälst Du besser den
Mund."
Marco Schiaro
