Nach einer längeren Kunstpause ist Cat Stevens wieder da - mit einer neuen LP und einem neuen Gesicht. Die Platte heißt "Back to Earth" und bringt ein wohl bekanntes und erfolgreiches Gespann wieder zusammen: Cat holte sich als Produzenten seinen langjährigen Partner Paul Samwell-Smith ins Studio, mit dem er in den frühen siebziger Jahren bereits vier Alben aufgenommen hatte. Das Gesicht dagegen ist gänzlich neu: Cat ohne Locken und ohne Bart, Paul Simon im Aussehen ähnlicher als seinen eigenen alten Fotografien. Bruce Elder sprach mit dem verwandelten Cat Stevens über die neue LP und über seine bisherige Karriere. Schauplatz des Interviews war eine Linienmaschine auf dem Flug von England nach Kanada, wo Cat einen Teil der Songs für seine jüngste Produktion aufnahm.
Die erstaunliche Verwandlung eines Rockstars: der alte und der neue Cat Stevens.
Cat: Für mich birgt es eine Wiedervereinigung. Ich arbeite eben wieder mit Paul. Das gibt mir Schwung, denn ich mag ihn und respektiere ihn. Außerdem starte ich zum ersten Mal eine Produktion gänzlich unbefangen. Ich habe absolut keine Idee, wie die Platte am Ende klingen könnte. Ich habe aber das Gefühl, daß diese LP in stärkerem Maße als gewohnt meinen Lebensstil wiederspiegeln wird. Sie könnte ruhiger ausfallen. Möglicherweise verliere ich meine Nervosität, denn innerlich fühle ich mich ruhiger als sonst. Friedlicher, möchte ich sagen.
ME: Heißt das denn, daß die LP "Izitso" etwas ausdrückte, was nicht so recht mit Frieden zu tun hatte ?
Cat: Nun.... du hättest mich damals sehen müssen, dann wüßtest du Bescheid. Jene Platte hab´ ich in etwa zwölf verschiedenen Ländern aufgenommen. Ich bin richtig herumgeschwirrt. In keinem Studio hab´ ich es länger als zwei Wochen ausgehalten. Insgesamt habe ich mich damals wohl an die vier bis fünf Monate in Studios herumgetrieben.
ME: Wolltest Du eigentlich schon immer ein Popstar sein ?
Cat: Ich wollte vor der Tretmühle fliehen, die - das wußte ich - irgendwo auf mich wartete. Als ich aus der Schule kam, mußte ich schnell handeln, denn alles, was ich sonst hätte machen können, begeisterte mich nicht gerade. Vor allem wollte ich nicht in das Restaurant meines Vaters. Stattdessen hatte ich Lust, Karikaturist zu werden.
ME: Deshalb gingst du schnurstracks auf die Kunstschule in Hammersmith ?
Cat: Genau !
ME: Für wie lange ?
Cat: Ungefähr für ein Jahr.
ME: Hat dir denn das Zeichnen Spaß gemacht ?
Cat: Ja, schon. Aber irgendwie hat mich dann die Musik, die in jenen Tagen in der Luft lag, in ihren Bann gezogen.
ME: Wie ging das denn genau vor sich ?
Cat: Eine Menge Leute in der Schule standen auf Blues - Leadbelly war das Idol. Und dann gab es Dylan. Und die englischen Folk-Interpreten wie Bert Jansch und John Renbourn.
ME: Also hat dich anfangs der Folk am meisten interessiert ?
Cat: Nein, das ging eigentlich erst los, als ich selbst anfing, Gitarre zu spielen. Vorher reichten meine musikalischen Wurzeln hinein ins Theaterland - ins Reich der Musicals -, weil ich doch im Zentrum Londons aufwuchs. Ich war umgeben von Theaterstücken und Musicals. Da liefen "West Side Story", "King Kong" und "South Pacific"; das alles strömte mir direkt ins Blut. Als ich selbst als Künstler anfing, war mein Stil ziemlich neu und verschieden von anderen Stilen, weil mich die Musicals, die keine stilistischen Grenzen kennen, geschult hatten. Am liebsten mochte ich "King Kong". Keiner kennt dieses Stück. Es handelt nicht von einem behaarten Monster, sondern von der Karriere eines Boxers aus Südafrika. Es wurde von einer gänzlich schwarzen Besetzung aufgeführt.
ME: Warum gefiel es dir so gut ?
Cat: Weil es ungeschliffen war. Ich habe immer diese Art unverfälschter Gefühle gemocht, die zum Beispiel auch in russischer Musik auftaucht. Ich hab´ die Musik russischer Ensembles mal bewundert.
ME: Was denn - den Don Kosaken Chor ? Solche Musik ?
Cat: Nun... nicht die kommerzialisierten Lieder. Die ursprüngliche Musik. Die mochte ich, genau wie spanische Musik, wenn sie ursprünglich war und richtig vorgetragen wurde.
ME: Wie wirst du kreativ ? Wie entsteht ein Song ? Erscheint da plötzlich eine Melodie in deinem Kopf ?
Cat: Na, fangen wir mal ganz vorne an. Der erste Song, den du überhaupt komponierst, besteht aus einer einfachen Melodielinie. Du kennst nicht die Akkorde dazu, aber du "hörst" sie irgendwie. Du spielst sozusagen mit einem Finger Piano. Nach einiger Zeit wird das langweilig. Du sagst dir: "Nun, ich sollte ein Instrument lernen". So habe ich mir also eine Gitarre besorgt und meine drei ersten Grundakkorde gelernt - A, D, E. Das war´s. Alles, was ich schrieb, basierte auf diesen Akkorden. Verminderte Akkorde kannte ich nicht; Septimakkorde hielt ich für Jazz.
ME: Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß in dir ein naiver Geist steckt - naiv in dem Sinne, daß die Geisteshaltung eines Kindes häufig in deinen Texten, deiner Musik und deinen Illustrationen auftaucht.
Cat: Glaubst du, die Menschen werden irgendwann mal aufhören, von Kindern zu lernen ? Das ist meine Philosophie, denn sogar Christus hat - sinngemäß - gesagt: "Wer sich aber nicht bekehren läßt und wird wie die Kinder, dem soll das Himmelreich nicht offen stehen". Du mußt das nicht wörtlich nehmen, aber es steckt ein wahrer Kern drin. Kinder haben sich der Welt noch nicht ergeben und sind in der Lage, die Dinge viel klarer zu sehen, als wir es können.
ME: Warum reist du soviel ? Heute sagtest du zu mir: "Du wirst mich an meinem ständigen Wohnsitz interviewen".
Cat: Ich begreif das auch noch nicht richtig. Wenn ich mich entschließe, England zu verlassen, ist das eine Entscheidung, die mir schwer fällt, denn mein Sternzeichen ist der Krebs. Ich liebe die Heimat. Ich liebe alles, was damit zusammen hängt. Ich möchte zu Hause sein, aber es gab da mal irgend etwas, das riß mich hoch und brachte mich in jene Lage, in der ich immer noch stecke. Ich lerne auch immer noch etwas über die Welt. Ich höre nie auf zu lernen, daß die Welt rund ist. Ich glaube, das beste, was Menschen tun könnten, wäre die Eröffnung einer Forschungsstation auf dem Mond. Dann wären sie dankbar für das, was sie auf Erden haben und würden sich weniger über die Nichtigkeiten beschweren, die sie gewöhnlich plagen.
