Cat
Stevens legt eine Cassette in den Videorecorder. Auf dem Bildschirm erscheint
der Titel "Führer durch die Moschee". Die Kamera gleitet langsam
an einem Minarett entlang, verweilt für einen Moment bei einer großen
Kuppel aus Kupfer und fixiert die Fassade der großen Londoner Moschee. Ein
Wunder moderner Architektur - finanziert durch Geld aus Kuwait.
Vor dem Aufgang steht Cat Stevens in einem blauen Djeballa und empfängt eine
Gruppe mohammedanischer Kinder, die - in Richtung Mekka betend - um die Moschee
gehen und sich dann im Kreis um ihn herum setzen.
"Was bedeutet Allah ?", fragt der frühere Popstar. - "Gott",
antworten die Kinder im Chor. "Und Haji ?" - "Pilgerung...".
Nach dem arabischen Kursus folgt die Einführung zum Gebet. Insgesamt dauert
die Cassette 20 Minuten, bestehend aus Pädagogik und proislamischer Propaganda.
Produziert und moderiert von Cat Stevens, der sich seit seiner Bekehrung Yusuf
Islam nennt.
Unter seinem Vollbart erscheint noch immer das Gesicht eines staunenden Jungen.
Fast 5 Jahre ist es her, seit sich Stevens zum Islam bekannte. Ausgelöst
durch das Heer pakistanischer Emigranten hat das Erwachen des Islam inzwischen
England erreicht; Mehr als 10.000 Briten sind bereits zu Mohammed konvertiert.
Die neuen Gläubigen wurden von Pakistanis aus Karachi und Lahore ausgebildet,
wo die Schulen des Islam die rigorosesten und unerbittlichsten sind. Die Pakistani
gehören zur Richtung der Sunniten, die sich von den iranischen Schiiten in
religiöser Theorie und Praxis unterscheiden. Dennoch gibt es Verbindungen
zwischen diesen beiden Bewegungen. Pakistan beispielsweise ist die Wiege der "Brüder
des Tablir" - eine islamische Sekte, die vor drei Jahren bei einer Pilgerung
nach Mekka ein Blutbad anrichtete und zur Revolution im Sinne Khomeinis aufrief.
Wars die Marotte eines überzüchteten Stars, die Cat Stevens zum aktiven
Mitglied der islamischen Gemeinde werden ließ ? Wenn man ihn in seiner Gemeinde
umhergehen sieht, scheint es absolut ausgeschlossen, daß er je zu seinem
früheren Lebensstil zurück finden wird. Er ist Vorsitzender des "Islamischen
Kreises", der von ihm gegründet wurde - gleichzeitig noch Ehrenpräsident
von anderen Verbindungen. Bald wird jede Moschee in England den mohammedanischen
Kindern ein Exemplar des Buches
schenken, das Cat Stevens geschrieben und illustriert hat. Yusuf Islam betreut
auch die Zeitung "Kameraden der Moschee", das Blatt der Pfarrgemeinde
und hat auch die erste "Schule des Korans" in England gegündet.
Er ist der gleiche Mann, der vor einem Jahrzehnt mit seiner sanften Stimme Kinder
wie Eltern bezauberte - der gleiche, der Hits wie "Lady D´Arbanville",
"Wild World" oder "Where do the Children play ?" schrieb,
wo er verzweifelt singt: "Es ist schön, Jumbo- Jets zu bauen; es ist
schön, im Raumschiff zu reisen; aber sagt mir, wo werden die Kinder spielen
?"
In einer Phase, in der die Rockmusik von Protest und Gewalt geprägt war,
breitete Cat Stevens seine Träume aus; ein poetischer Protest, ein Aufschrei,
der die Liebe über die Zerstörung setzt.
Plötzlich, mit 26 Jahren bricht alles zusammen. 1975 sagt Cat Stevens: "Ich
fühle mich wie ein Computer. Ich gehe ins Studio mit der gleichen Begeisterung
wie ein müder Bankangestellter". Die Tourneen, die Sessions, die Anbiederung
der Groupies - Cat Stevens kann nicht mehr. Wie schon vor ihm Dylan oder die Beatles
überfällt ihn ein metaphysisches Bedürfnis.
Zuerst ist es nur die mathematische Mystik: Auf einer Tournee durch Australien
lernt er eine alte Frau kennen, die ihn in die Geheimnisse des Pythagoras und
des Goldenen Schnittes einweiht.
Von diesem Sujet fasziniert, schreibt er das Album NUMBERS, das prompt sein erster
Mißerfolg wird. Das Publikum kann ihm einfach nicht folgen. Enttäuscht
fährt Stevens nach Brasilien, wo er ein Jahr damit verbringt, Samba und die
Sitten eingeborener Stämme zu studieren.
Er kommt zurück nach London und nimmt zwei weitere Alben auf. Zwei weitere
Mißerfolge. Sein Manager und die Plattenfirma geben die Hoffnung langsam
auf. Sie können nur noch beten, daß er seine Identitätskrise bald
überwinden möge. Stevens selbst sagt: "Ich fühle mich wie
ein Affe. Ich springe von Ast zu Ast".
Als er 1979 dann seine Bekehrung zum Islam verkündet, glaubt ihm niemand
- außer seinen Eltern, denen er sich noch immer verbunden fühlt. Doch
selbst sie brechen zunächst zusammen: "Für meine Mutter war es
eine Katastrophe" erinnert sich Stevens. "Inzwischen sagt sie am Telefon
`Inch Allah´ zu mir".
Alle seine Freunde und Geschäftspartner hoffen, daß sich seine Entscheidung
nur als vorübergehende Laune herausstellen wird. Doch eines Tages im Jahre
1981 läßt ein Auktionator bei "Southebys" in London dreimal
den Hammer fallen: "Verkauft ! Die Gitarre, auf der Cat Stevens Lady
D´Arbanville
komponiert hat !" Einige anwesende Journalisten murmeln und schütteln
den Kopf. "Und jetzt ein Satz von handgeschriebenen Partituren", fährt
der Auktionator fort...
Zur gleichen Zeit betet Cat Stevens wie jeden Tag in der großen Moschee
von London. Er hat unwiderruflich beschlossen, die Musik aufzugeben. Mehr noch:
Einmal weist er einen Mohammedaner zurecht, der auf der Gitarre spielt: "Die
Musik lenkt vom Glauben ab", sagt er kategorisch. Sein Ziel ist es, in England
die Mohammedaner aller Nationen im Glauben zu einen. Und er verkündet dieses
Ziel sogar in einem Augenblick, in dem die westliche Welt mit Besorgnis feststellt,
daß Millionen von iranischen Schiiten bereit
sind, die ganze Welt im Namen der Revolution auf den Kopf zu stellen. Allerdings
haben sich die Londoner Mohammedaner eindeutig für Gewaltlosigkeit ausgesprochen;
sie wollen allein durch die Lehre des Korans neue Mitglieder gewinnen.
"Musik lenkt vom Glauben ab", sagt er kategorisch.
Eine Rückkehr zur Popmusik ist für Cat Stevens
unvorstellbar.
Der
Pädagogik fällt dabei eine besondere Rolle zu. Im Kreise um Yusuf Islam
glaubt man, daß zuerst den Kindern von Emigranten die arabische Sprache
nahe gelegt werden muß. Und dieser Kampf hat gerade begonnen. Im Norden
Englands als auch in London fordern die Mohammedaner Grundstücke und Gebäude.
"Die Katholiken, Protestanten und Israelis haben ihre Schulen, wieso wir
nicht ?"
Aber die Gemeindeverwaltungen leisten Widerstand, die Regierung sieht keine Veranlassung
zum Eingreifen - und Cat Stevens beginnt zu verstehen, daß die Mohammedaner
ihre Schulen selbst finanzieren müssen. In seinem Landhaus im Brondesbury
Park bringt er die erste Schule unter und fliegt nach Kuwait, um dort für
weitere Spenden zu bitten.
Heute besuchen etwa 15 Kinder seinen "Kindergarten des Korans", der
von der britischen Schulbehörde genehmigt wurde. Stevens allerdings plant
für insgesamt 300 Schüler und will zudem noch weitere Schulen in der
Provinz gründen.
Der einstige Popsänger hat seinen Lebenstraum gefunden: In aller Anonymität
ein Lehrer zu sein, umgeben von Kindern zwischen drei und fünf Jahren - und
so seine Botschaft in alle Welt verkünden zu können. "In einigen
Jahren", sagt er, "wenn die Schulen der arabischen Länder mit Videorecordern
ausgerüstet sind, wird man den Kindern mit meinen Videos den Koran lehren
können".
Wir besuchen sein Videostudio. Zwei neue Kameras, eine Bühne, ein Regiepult
- eine komplette Fernsehstation in Miniatur. Plötzlich schaut er auf seine
Uhr: "Ich verlasse euch. Die Stunde des Gebets ist gekommen".
Ich bleibe mit einem Techniker allein im Studio zurück. Am Ende des Raumes
befindet sich eine gepolsterte Tür. "Es ist der Zufluchtsort von Bruder
Yusuf", erklärt mir der Techniker. "Sein Aufnahmestudio... normalerweise
darf es niemand betreten"...
Ich öffne vorsichtig die gepolsterte Tür. Auf der Bandmaschine liegt
eine Cassetten-Hülle mit der Aufschrift: "Yusuf Islam - das islamische
Alphabet". Der Techniker schaltet das Gerät ein und ich höre nach
sechs Jahren wieder neue Lieder von Cat Stevens. Kein Zweifel: Hinter der gequälten
Melodie der orientalischen Percussion hat sich die Stimme von Cat Stevens nicht
verändert. Und die Texte ?: "Erwache zum Islam, Allahs Religion".
Die Mohammedaner selbst haben ihn gebeten, das Singen wieder aufzunehmen. Sie
möchten Cassetten an ihre Kinder verteilen...
Cat Stevens scheint seinem Schicksal nicht entfliehen zu können. Er ließ
sich überreden dort hin zurückzukehren, von wo er geflohen war - zur
Musik. Weder im Westen noch in der islamischen Welt kann er seinem Karma entkommen...
Patrick Zerbib
