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Die Geschichte hinter der Musik
Der Planet Polygor im Klassenzimmer
Zwischen Song und Schnulze: Cat Stevens´ Numbers als Unterrichtsmaterial

Die folgenden Anregungen sind für eine 9. oder höhere Klasse gedacht. Sie können als Kurzfassung in einer Stunde besprochen werden, etwas gründlicher werden sie 90 Minuten ausfüllen.

Cat Stevens, der 27 jährige Pop-Poet, brachte nach längerer Pause seine LP "Numbers" heraus. Sie wurde am 14. November ´75 im Münchner "Jagdhof" in einer europaweiten Präsentation rund 100 Journalisten und Medienleuten vorgestellt. Seit Anfang Dezember ist sie bei uns erhältlich.
Es ist die 8. LP nach "Mona Bone Jakon", "Tea for the Tillerman", "Teaser and the Firecat", "Catch Bull at Four", "Foreigner", "Buddha and the Chocolatebox" und "Greatest Hits". Die Platten entstanden innerhalb der letzten 10 Jahre, während sich Stevens, Sohn einer schwedisch -griechischen Familie zunächst in Amerika, dann international zum Star entwickelte. Das neue Album enthält ein 16-seitiges von ihm selbst illustriertes Textheft mit ausführlichem Vorwort.
Bestell-Nr. 89 680 GT. MC 55 812 GT, deutscher Auslieferer ist Ariola, Preis z. Z. DM 19,90.

Cat Stevens erzählt von einer Galaxis weit draußen im All, in deren Zentrum sich der Planet Polygor befindet. Polygor liefert die Zahlen von 1 bis 9 an das ganze Universum. Jeden Tag werden dort Millionen, Billionen und Zillionen von Zahlen tief unten im Keller des Palastes von Polygor hergestellt. Das Schloß befindet sich auf dem Gipfel eines hohen Berges. Niemand weiß wie lange der Palast bereits existiert und wer ihn gebaut hat. Nur 9 Menschen leben hier. Der erste Polygon ist Monad, die anderen heißen Dupey, Trezlar, Cubis, Gizlo, Hexidor, Septo, Octav und Novim. Sie führen ein gleichmäßiges Dasein, altern nicht und ändern sich nicht.

In einigen Liedern werden uns nun Geschichten und Gedanken von diesem Planeten vorgeführt. Auf der Rückseite des inneren Plattencovers findet sich der Hinweis, daß dieses Album möglichst nicht zu ernst genommen werden soll. Warning: "This album is not to be taken too seriously". Dennoch sind Texte darin enthalten, die philosophischen Tiefgang aufweisen und zum Nachdenken anregen.

Lernziele:
Der Schüler soll
1. sich darüber klar werden, daß Musik, deren Ausgangspunkt der Text ist, auch von diesem her verstanden sein will.
2. erkennen, ob in den einzelnen Beispielen eine Beziehung zwischen Text und Musik vorhanden ist.
3. wesentliche Gestaltungselemente erkennen.
4. die Funktion des Arrangements an ausgewählten Stücken kennenlernen.
5. Einblick in die Gesamtkonzeption des Werkes bekommen.
6. die Punkte 1 mit 5 sollen in ihrer Gesamtheit zur allgemeinen Urteilsfähigkeit erziehen und einen objektiven Einblick in die Qualität der Komposition ermöglichen.

Ansatzpunkte:
Da dieser LP ein Textheft mitgegeben wurde, muß es Cat Stevens vor allem um das Textverständnis gegangen sein. Man kann mit der Übersetzung von "Novim´s Nightmare" ("Novim´s Alptraum") beginnen.

Novim´s Alptraum
1. Ich hatte einst einen Traum, der mich ängstigte,
wie eine Guillotine, die über meinem Kopf hängt.
warum, warum, warum, warum ? warum wurde ich geboren als die Neun ?
ewig verflucht ?
wer würde merken, wenn ich sterben sollte ?
niemand brauchte mich.
doo doo doo doo
2. Dunkel und leer war der Ort, an den ich kam,
kalt und still war das Haus, an dem mein Name stand.
Neun Zimmer und in jedem ein Grab.
So dunkel und leer war der Ort, an den ich kam.
3. Doch plötzlich begannen meine Knochen sich zu verändern.
Ich war groß und wieder jung.
Süß wie der Regen, der auf den Schnee fällt.
wer, wer, wer, wer ?
wer ist er, wer bin ich und was lag dazwischen ?
Wie kann ich Goodbye sagen ? Niemand läßt mich ein.
Ich sehe keinen Sinn mehr für die Neun.
Jetzt ist es zu spät, um die Tür zu öffnen.
Lalala...

Durch die Kenntnis des Textes läßt sich leicht die Frage stellen, welche Musik die Schüler erwarten. Daran kann sich das Vorspiel des Songs mit dem Vergleich der Schülererwartungen anschließen. (1. Klangbeispiel 3´ 50") Die Schüler achten während der Musik auf die Melodiegestaltung und deren Vortrag. Die Antworten sollten ergeben, daß es sich um eine schlichte Melodie handelt, die vereinzelt durch rhythmische Akzente an Attraktivität gewinnt. In den Versen
2 und 3 wird die Instrumentalbesetzung größer (zunächst Backgroundmusik), der Gesamtklang erscheint farbiger, der erste Eindruck von Einfachheit verschwindet. Die letzten beiden Zeilen erinnern im Arrangement an Simon & Garfunkels "Bridge over troubled Water" (...sail on silver girl...). Insgesamt also keine Steigerung des musikalischen Inhalts, da sich im wesentlichen Vers 1 und 3 gleichen, sondern des Arrangements. Der Sänger trägt den Text ohne großes Pathos vor. Vergleicht man das Vorspiel mit dem 1. Vers, stellt man fest, daß die Einleitung mit ihrem geschickten Einsatz von Piano, Becken, Baß, dem restlichen Schlagzeug und der Verwendung von thematischem Material Erwartungen weckt, die mit dem Einsatz der Singstimme aber nur teilweise erfüllt werden. Das Vorspiel klingt zwar recht hübsch, aber der Zusammenhang mit dem Text ist nicht sehr eng. (2. Klangbeispiel 2´). Dieser Einleitungsstil wird ähnlich in verschiedener instrumentaler und vokaler Version angewandt (3. Klangbeispiel 1´40"). Die Textvertonung verläuft nicht optimal, da die Musik manchmal zu ausdruckslos ("like a drunken Guillotine") oder überzogen ("can´t see no need for Nine no more") ist (4. Klangbeispiel 50"). An einer Stelle findet sich eine kurze Tonmalerei ("snow") (5. Klangbeispiel 10"). Harmonisch bewegt sich Stevens meist außerhalb des Kadenzbereichs, wenn auch gelegentlich in ungeschliffenen Harmonieschritten (6. Klangbeispiel, 1´30"). Der Schlußteil mit den beiden Orgelakkorden sollte nochmals angespielt werden, da "Novim´s Nightmare" auf der Subdominante endet, ein Gag, den Stevens im Wechsel mit der Dominante häufiger anwendet (7. Klangbeispiel 1´15").
Die formale Gestaltung ist bei allen Songs stark ausgeprägt. Die Tendenz zu einer großzügigen ABA bzw. 3 teiligen Anlage ist oft vorhanden. Die formalen Verhältnisse können mit den Schülern durch mehrmaliges Hören und mit Hilfe des Textes erarbeitet werden. Haben die Schüler den englischen Text mit Übersetzung zur Hand, dürfte die Beantwortung und Verdeutlichung der angeführten Gedanken und Fragen keine Schwierigkeiten bieten.

Nun noch einige Hinweise zu den anderen Teilen: In "Drywood" stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang dieses Textes mit der Gesamtkonzeption. Die Antwort dürfte recht schwierig sein. Dennoch entbehren einzelne Teile von "Drywood" nicht eines sprachlichen und inhaltlichen Reizes. Nach einer kurzen inhaltlichen Darbietung durch den Lehrer kann wiederum die Erwartung des musikalischen Verlaufs erfragt werden (8. Klangbeispiel 4´ 53"). Die Schülerantworten werden ergeben, daß die rockige Musik nicht in jeder Phase zu dem Text paßt. Der Song zieht seine Wirkung nicht aus der Melodie, sondern aus dem Rhythmus. Durch die Background-Shouts der Sängerinnen verliert die Musik zwar die Härte, aber der starke Drive bleibt. Der Reiz
von "Drywood" beruht auf Arrangement (Fender, Piano, Congas, Claves etc.) und Rhythmus. Schade um den Text.
"Monad´s Anthem" ist als Finale konzipiert und klingt auch so. Man hört Monads Stimme, eine durch einen Ringmodulator veränderte Männerstimme und den Kinderchor der Magic Children of Ottawa (9. Klangbeispiel 2´ 43"). Cat Stevens hat offensichtlich versucht, ein sinfonisches Finale zu gestalten, was man aber als mißglückt bezeichnen muß. Trotz geschickter Instrumentation (Synthesizer, Streicher, Pauken etc.) können die kompositorischen Schwächen nicht verschleiert werden. Durch bewußtes Hören auf den Verlauf der Singstimmen können das die Schüler feststellen. Auch der harmonische Verlauf klingt gezwungen, aber er geht zumindest über das übliche Mittelmaß in der Pop-Szene hinaus, und das ist schon was.
Die Wertung der LP kann als Abschluß der Zusammenfassung von den Schülern vorgenommen werden. Man kann "Numbers" als eine nur durchschnittlich gelungene Komposition bezeichnen, die textlich und musikalisch die Zeit von 35 Minuten trotz vielversprechender Ansätze nicht durchsteht. Der inhaltliche Zusammenhang ist häufig nur schwer zu erkennen, Schwächen liegen in der mangelnden Beziehung zwischen Text und Musik, der Akzent liegt zu einseitig auf dem Rhythmus. Stilistisch stellt sich die Platte als eine Mischung aus Folksong, Rhythm & Blues, Soul und gelegentlicher Tendenz zur Schnulze (Verwendungsart der Streicher, Prasseln des
des Holzfeuers in "Drywood", Kinderchor) dar. Vergleicht man diese Produktion jedoch mit dem, was auf dem Pop-Markt zur Zeit angeboten wird, muß man feststellen, daß trotz der Schwächen, der Versuch, das Märchen von Polygor in Musik zu setzen, im Unterricht erwähnenswert ist. Insgesamt begrüßenswert mit Vorbehalten.

*Die angeführten Klangbeispiele sind unter der Adresse des Autors (8 München 21, Aindorferstr. 67) als 4-Spur-Aufnahme zum Preis von DM 6,- zu erhalten. Die Übersetzung von "Drywood" kann auf Wunsch mitgeliefert werden. Sendung per Nachnahme.

Peter Granzow (VBS)

Text aus der Zeitung "Neue Musikzeitung" vom Februar 1976
ANMERKUNG DES WEBMASTERS:
Man kann hier zwar einiges lernen, aber warum so kompliziert und geschwollen, liebe verehrte Lehrer und Pädagogen ?
"Numbers" ist einfach eine Super-LP !! Und wer so Musik hört und sie so kritisiert, wie oben zu lesen, dem fehlt jeder emotionale Bezug nicht nur zu den tollen Cat Stevens- Songs.
Und pädagogisch völlig wertlos halte ich es außerdem, Kinder im heranwachsenden Schulpflicht-Alter auch noch zu solch einer Art des Musikhörens und-kritisierens zu unterrichten und zu erziehen !
Diese Art des Musikverständnisses ist für wahre Fans nicht erstrebenswert und eignet sich bestenfalls für den Bereich der klassischen Musik, bei der man sich nicht groß Gedanken machen muss, was sich der Komponist wohl dabei gedacht hat. Sie steht im völligen Widerspruch zum eigentlichen Sinn der Pop-Musik im Allgemeinen und der Musik und den Texten von Cat Stevens im Besonderen: Nämlich das Anerkennen der vielseitigen künstlerischen Talente, den tiefen Emotionen, die dahinter stecken und einfach das Genießen der musikalischen Ergebnisse.

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