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Die Geschichte hinter der Musik
Oft sitzt er mit geschlossenen Augen im Scheinwerferlicht und traut sich nicht, sein Publikum anzuschauen. Öffnet er einmal die Augen für einen kurzen Augenblick, schweift sein Blick abwesend an der Decke des Saales entlang. Wenn er seine Begleitgruppe vorstellt, kommt er stotternd bis zum dritten Namen und bricht dann plötzlich ab, lächelt unsicher und dreht sich ab, um an seiner Gitarre herumzufummeln. Seine Songs sagt er ebenfalls abrupt und abgehackt an, immer nach den richtigen Worten suchend, die ihm einfach nicht einfallen. Als POP den scheuen, sensiblen und introvertierten Superstar auf dessen letzter Deutschland-Tournee auch hinter den Kulissen begleitete, stellten wir fest:

Cat Stevens hat Angst vor Menschen

"Wenn ich auf der Bühne stehe und das Klicken der Kameraverschlüsse höre, habe ich jedesmal das Gefühl, einen elektrischen Schlag zu erhalten; mir ist dann, wie wenn jemand ein Stück aus meiner Persönlichkeit heraus reißen würde." Das sagte Cat Stevens zu POP, als wir den Engländer griechischer Abstammung, der eigentlich Steven Demetrios Georgiou heisst, am Vorabend eines seiner Konzerte in seinem Hotel aufsuchten. Steve - so will Cat offiziell angesprochen werden (wer dies nicht tut, sei es auch aus Unwissenheit, ist bei ihm abgeschrieben und wird ignoriert) - glaubt felsenfest, dass man ihn ausnützen, aus ihm Kapital schlagen will. Es braucht viel Fingerspitzengefühl und Überredungskunst, um Steve zu erklären, dass die Fans nun mal auf ihn und seine Musik stehen und deshalb auch über den Sänger Cat Stevens informiert werden wollen. Steve´s Argument: "Ich gebe doch schon in meinen Liedern so viel von meinem Innenleben preis, dass ich glaube, das genügt."
Aber warum geht dann Cat Stevens mit so einem großen Aufwand und Gefolge auf Tournee - drei Sattelschlepper für die aufwendige Bühnendekoration, eine Band mit sieben Musikern und drei Sängerinnen, Zauberkünstler, die eigentlich gar nicht in die Atmosphäre eines Cat Stevens-Konzertes passen, sowie ein Tross von über 30 Personen (Roadies, Manager, Helfer usw.) - und warum hat er sich in Europa nur die grössten Hallen ausgesucht, wo ihn die ihm zujubelnden Menschen noch viel unsicherer machen ? Cat Stevens wirft trotzig den Kopf in den Nacken, schlägt mit seinem Stock - ein seltsam geformtes Stück Holz, das Cat nie aus den Augen lässt und überallhin als Talismann mit sich führt - unwirsch auf den Boden. Hilfesuchend schaut er sich nach jemandem seines Begleitstabes um, doch niemand nimmt die Ängste seines Meisters und Arbeitgebers wahr. Keiner kommt ihm zu Hilfe, um dieses für ihn so anstrengende Gespräch zu unterbrechen. Peinliche Stille. Steve sucht nach einer Erklärung. Lächelt unbeholfen und meint dann erleichtert: "There´s no business like showbusiness."
Cat Stevens weiss aus eigener Erfahrung, wie hart das Showgeschäft sein kann. Denn auch er wurde einmal von der Unterhaltungsmaschine ausgeschlachtet und vermarktet. Als 18 jähriger, als er mit seinem Titel "I love my Dog" einen Riesenhit in England hatte, drängte man ihn, dem Unerfahrenen, einen Schallplattenvertrag auf, auf Grund dessen er Platte auf Platte produzieren musste, dabei aber nicht über Arrangement und Verpackung mitreden durfte.

Die traurigen und persönlichen Lieder des Cat Stevens bekamen durch die farbenprächtige Sonnenuntergangs - Stimmung auf der aufwendig dekorierten Bühne eine ganz besonders romantische Note. Überall wurde Cat Stevens wie ein König gefeiert.
Eine offene Tuberkulose warf ihn dann für zwei Jahre auf das Krankenbett. Und als er geheilt entlassen wurde, schwor er sich, sich nie mehr ausnutzen zu lassen.
Mit dem Geld, das er mit seinen millionenfach verkauften Platten gemacht hat, kann es sich Cat Stevens heute leisten, Menschen für ihre Dienste zu bezahlen. Und so lesen denn die Road-Manager, Personal-Manager, Betreuer, Chef-Beleuchter oder wie ihre Titel immer heißen mögen, ihrem Chef ergeben jeden Wunsch von den Augen. Sie halten ihm alles und jeden vom Leibe, von dem sie annehmen, dass er oder es ihrem Meister nicht genehm ist. Und das ist für einen Mann wie Cat Stevens noch viel gefährlicher. Denn dadurch besteht die Gefahr, dass er den Bezug zur Realität völlig verliert.
In der Tat ist kein anderes Geschäft so hart wie das Schaugeschäft. Wer sich nicht an dessen Regeln hält, kann bald einmal ein Niemand werden. Selbst ein Star von der Größe eines Cat Stevens muss da verdammt aufpassen. Gute Platten zu machen allein genügt nicht...

Bei einem Fondue-Essen am Vorabend eines Konzertes herrschte eine gemischte Stimmung; der Star war gereizt.

Radio-Mann Rüdi Kaspar hatte Glück: Cat Stevens erklärte sich bereit, fünf Minuten auf Fragen zu antworten. Denn niemand vom Stevens-Management hatte dem eigenwilligen Star zuvor etwas von einem ausgemachten Radio-Interview gesagt.
Seine Unsicherheit verbirgt Cat Stevens mit abweisender Leichenbittermiene.
Text und Fotos aus der Zeitschrift "POP", Nr. 3 des Jahres 1976
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