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Die Geschichte hinter der Musik

"Ich dachte, ich werde nie mehr ein Lied schreiben"

Honig und Milch hat Cat vom Bauern nebenan

CAT STEVENS: "Freunde habe ich wenige"

Cat blieb die meiste Zeit allein, malte, komponierte, hörte Platten oder ließ sich ganz einfach vom Schnee, den Bergen, von der Sonne inspirieren. Über Weihnachten empfing er Besuch von seiner Familie: Mama, Schwester und Schwager. Später kam "seine Gitarre" Alun Davies. Das POP-Interview fand erst am Tag vor seiner Abreise statt. Es war Cats erstes Gespräch mit einem Journalisten seit zwei Jahren. Cat war bei blendender Laune, mäßig braun, aber schlank wie eh und jeh.

Cat, warum bist Du in die Schweiz gekommen ?
Nach meiner Tournee rund um die Welt bin ich 3 1/2 Monate in Brasilien geblieben. Eine lange Zeit mit Sonne, Sonne, Sonne. Als es auf Weihnachten zuging, wurde ich plötzlich melancholisch. Ich dachte an Schnee und sehnte mich nach dem glitzernden Weiß.
Und ? Wie hat der Schnee auf Dich gewirkt ?
Ich liebe die Kälte, weil sie gut ist für den Körper. Kälte gibt genauso viel Energie wie die Hitze.
Brauchst Du neue Umgebungen auch für Deine Inspirationen, für Deine Songs?
Oh yeah ! Die Songs, die ich in Brasilien schrieb, sind sehr rhythmisch. Was ich in der Schweiz schrieb, ist sehr viel einfacher, leicht zu singen, fast gar nicht kompliziert. Eines der Lieder ist sogar ein echter Knüller. Die Melodie schrieb ich drüben in Brasilien, den Text hier. Es ist ein Song über das Zuhause, mein Zuhause, England.
Mit einem griechischen Vater und einer schwedischen Mutter bist Du doch fast so etwas wie ein Weltbürger. Hast Du trotzdem manchmal Heimweh ?
Ich glaube schon. Dieses Gefühl, als ich endlich wieder in Europa war, ich kann es gar nicht beschreiben. Ein gutes Gefühl jedenfalls. Brasilien war das totale Chaos, und hier ist plötzlich die Welt wieder ganz in Ordnung. Trotzdem: Wenn man reist, beginnt man die Welt als Einheit zu sehen. Reisen hat mich zum besseren Menschen gemacht, mit stärkerem Verständnis für meine Mitmenschen.
Wie siehst Du die Probleme der Welt ?
Die Welt dreht sich, und die Probleme kommen und gehen. Es wird immer Höhen und Tiefen geben. Reichtum und große künstlerische Momente. Es wird aber auch Krieg geben. Vielleicht nicht mehr die herkömmliche Art Krieg, mit Bomben und so. Das wird so sein, bis jedermann endlich realisiert, dass wir uns im selben Boot befinden.
Wo stehen wir denn heute, Deiner Ansicht nach ?
Unsere Zeit ist eine Art Krieg. Die Menschen sind geladen. Politik interessiert mich ja nicht, ich interessiere mich nur für die Menschen und die Zyklen, denen die Menschheit unterworfen ist. Zum Beispiel in Brasilien, wo ich eben war. Dieses Land ist wie ein neugeborenes Kind. So schön, so jugendlich und frisch.
Hat Dich denn dort die Armut der Bevölkerung gar nicht bewegt ? Bleiben Dir nur positive Eindrücke aus solch einem Entwicklungsland ?
Eine Kluft zwischen arm und reich wird es immer geben. Aber die Armen können die Reichen und ihr Leben gar nicht beurteilen. Und sie denken auch gar nicht dran. Ich habe viele Arme gesehen, die nur gerade das Nötigste zum Leben haben, die aber viel glücklicher sind als neurotische Reiche.
Aber wie können wir getrost im Wohlstand leben, wissend, dass 1975 zehn Millionen Kinder Hungers sterben müssen ?
Das ist das große Dilemma ! Du erfährst eine Zahl und versuchst, sie Dir vorzustellen. Aber das ist unmöglich. Man kann es sich gar nicht ausmalen. Und man kann auch nichts tun, meine ich. Was ich glaube, was zählt, ist, Deine eigene Welt besser zu machen. Ich habe mich zum Beispiel lange mit dem Gedanken befasst, mein ganzes Geld wegzugeben. Aber ich bin zum Schluss gekommen, dass das auch nichts hilft.
Du bist jetzt etwas mehr als einen Monat in Deiner Alphütte gewesen. Was tust Du als nächstes ?
Über Paris fliege ich nach Nassau auf den Bahamas. Mein Plattenboss Chris Blackwell lebt da, und ich bleibe einige Tage bei ihm. Dann fliege ich zum Karneval nach Brasilien, und danach habe ich ein Studio in Kanada gebucht, das irgendwo mitten im Wald steht. Da mach´ ich dann meine nächste Platte.
Wie schwierig ist es für Dich, immer rechtzeitig genügend eigene Lieder für ein neues Album bereitzuhaben ?
Vor einem Jahr war ich einmal total "down". Das ist das Ende, dachte ich. Nie mehr werde ich ein Lied schreiben können. Aber plötzlich war alles wieder da.
Hast Du auch schon Lieder in den Papierkorb geworfen ?
Nein, noch nie ! Es gibt zwar Lieder, die ich nie verwenden werde, aber ich werfe sie trotzdem nicht fort. Sie bleiben eine Art Schritt zum nächsten Abschnitt meines Musikerlebens. Nichts, das man geschrieben hat, verschwindet. Auch wenn man es vernichtet. Irgendwo im Universum bleibt es trotzdem.

Cat malt...

...studiert die Pläne zu seinem neuen Synthesizer...

...hört Musik und komponiert...

...oder lässt sich auf der Veranda von Sonne, Schnee und frischer Luft inspirieren.

In der Kälte tankt Cat Energie

"Ich interessiere mich nicht für Politik, sondern für die Menschen"

Ist das auch Deine Einstellung materiellen Dingen gegenüber ?
Ich bin kein Materialist und kann mich leicht von Dingen trennen, die mir lieb sind. Kürzlich ist mir meine beste Gitarre aus meinem Haus in London gestohlen worden. Ich habe viele meiner Lieder auf dieser alten Gibson geschrieben. Aber mehr als eine Erinnerung war die Gitarre trotzdem nicht. Sie ist zwar verschwunden, aus meinem Gesichtskreis wenigstens, aber nicht von dieser Erde. Irgendwo macht sie - hoffe ich - jemanden glücklich.
Was ist Dir wichtiger: Konzerte oder Schallplatten ?
Platten zu machen ist immer ein Vergnügen für mich. Aber Platten allein sind nichts. Das realisiert man dann, wenn man irgendwo vor einem Publikum sitzt. Dieser Moment zählt mehr als alles andere. Und Musik, das ist im Grunde nichts anderes als Momente.
Warum hast Du noch keine Live-LP gemacht ?
Vielleicht mache ich eines Tages eine. Übrigens habe ich eine gemacht. Auf meiner Japan-Tournee für den japanischen Markt.
Wie reagierst Du, wenn Dein Publikum bestimmte Songs von Dir fordert ? Mit Sprechchören, zum Beispiel ?
Es frustriert mich zwar ein wenig, aber ich habe Spaß daran, meinen Fans das zu bieten, was sie gerne haben möchten. Das habe ich von meinem Vater mitbekommen, der ein Restaurant führte. Die Leute kamen zu uns, um gefüttert zu werden. Eine Serviceleistung. Und das ist auch bei einem Konzert nicht anders. Das Publikum zahlt und erwartet eine bestimmte Leistung, einen Service.
Sprichst Du gerne über Deine Musik ?
Ich geniere mich etwas, wenn man über meine Musik Worte verliert. Aber ich spreche gerne über Musik allgemein. Wenn dagegen jemand sagt "Ich mag diesen und diesen Song von Dir", werde ich rot. Für mich ist es einfach ein Glücksfall, dass ich die Melodie schrieb und Worte dazu fand. Warum mir dieses Glück zuteil wurde, weiss ich ja nicht. Es kommt mir immer vor wie ein Würfelspiel. Jemand fragt: "Wie zum Teufel hast Du drei Sechser geworfen?"
Wie schwierig ist es für Dich, Freunde zu haben ?
Sehr, sehr schwierig. Am Anfang glaubt man nur Freunde um sich zu haben. Aber dann realisiert man, aus welchem Grund diese oder jene Person überhaupt um meine Freundschaft bemüht ist. Eine Freundschaft muss in beiden Richtungen funktionieren. Da muss der Funke auch hin- und herspringen zwischen Bühne und Publikum.
Cat, kommst Du bald wieder in die Schweiz ?
Sicher. Im nächsten Winter. Das Haus ist schon reserviert.

Text und Fotos aus der Zeitschrift POP, Nr. 5 des Jahres 1975
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