Antistar oder geglückte Masche ?
Allein schon von seinem Aussehen
her ist er prädestiniert für die Rolle des Märchenprinzen, des
sanften, in sich gekehrten Träumers, des schüchternen Antistars, der
seine quälenden Fragen über Gott und die Welt und mancherlei Herzeleid
bettet in den Schmus seiner Verse, dessen Lyrik herunterläuft wie Honig so
weich (aber auch so klebrig), dessen Lieder sich heikel auf dem schmalen Grad
zwischen Kunst und Kitsch bewegen, der unsagbar peinliches singen kann ("auch
wenn du einst in deinem Grabe liegst, wird unsere Rose niemals verblühen"),
ohne daß es peinlich klingt. Keine Frage - man mag sich nun zu ihm stellen,
wie man will - Cat Stevens ist echt, der Mann meint tatsächlich, was er singt.
Im Grunde genommen sind alle seine Alben nur Variationen seines Erstlings "Mona Bone Jakon", und sie fallen deshalb natürlich
ab, nicht etwa, weil seine Songs mit der Zeit einfallsloser geworden wären,
oder schlechter produziert, oder einfach nur Remakes sind, sondern allein aus
dem Grunde, weil sie nicht an die Frische von "Mona Bone Jakon" herankommen
können, das ja für Stevens einen Akt der Befreiung darstellte, einen
geglückten Identifikations
versuch, hinter dem die Followups verblassen mussten.
Auf der Bühne stand nur dieser hohe Barhocker, etwas abseits ein Steinway.
Cat wie auf Samtpfoten, das Auditorium mit einem Blick umschließend, eine
riesige Umarmung. Sparsame Gesten, artige Vornehmheit. Tatsächlich Bewegungen
wie eine Katze, schnurrend, fauchend im Chor mit dem klappernden Drumkit. Sparsam
instrumentierte, unprätentiös dargebotene
Lullabies für Post-20er, die hingebungsvoll lauschend sich ein halbes Jahrzehnt
zurückträumen, und für 15jährige, die sich feuchte Höschen
holen bei Sachen wie "How can I tell you that I love you", was ich übrigens
verstand, als ich den Mann dort auf der Bühne sah, seine lasziven, irgendwie
unbewussten Bewegungen, die so im Gegensatz standen zu dem hölzernen, plumpen
Schlagzeug.
Wie hingegossen am Flügel, zerfließend bei "Sad Lisa", einer im Grunde genommen schrecklichen Schnulze, die aber als etwas ganz anderes rüberkam: Dieser Stevens trauerte wirklich, das war sein Trip, durch und durch aufrichtig, Himmel, der Mann ist so ! Seine Musik ist ebenso Plastik wie echt. Wenn man ihn lobt, fühlt man sich sofort in die Defensive gedrängt. Stevens ist hölzern und geschmeidig zugleich. Seine Lieder sind niemals beklemmend, selten aber auch befreiend. Sein befreiendstes, heiterstes Lied wurde nie auf Platte veröffentlicht - den Titel weiß ich nicht - wahrscheinlich heißt es "if you wanna be free" - und es stellt das musikalische Pendent dar zu der Botschaft des Filmes, durch den es berühmt wurde. Hal Ashby´s "Harold and Maude", jener erleuchtenden Persiflage auf unseren "way of life", zu der Cat Stevens die adäquaten, man möchte sagen, kongenialen Lieder beisteuerte, beispielweise jenes "Trouble", kunstvoll verwoben mit der fließenden Schnittechnik des gelernten Cutters Ashby. Skandinavische Spröde gemischt mit levantinischer Schlitzohrigkeit, Weltekel, der sich Reservate in einer feinkonstruierten heilen Welt sucht, Idealisierung des Kindes an sich, die Fiktion der reinen, unverdorbenen Kinderseele.
Tief sitzendes Mißtrauen gegenüber der Erwachsenenwelt,
ambiyalentes Verhältnis zu Frauen, der Gedanke des Verrats durchzieht seine
Lovesongs wie ein roter Faden.
Stevens Georgiou (so sein wirklicher Name) war das Nesthäkchen der Familie, die ein Restaurant mit dem Namen Moulin Rouge
in dem Londoner Stadtteil Hammersmith führte. Schon früh zeigte sich
die Neigung des Jungen, sich zurückzuziehen in die Idylle seiner Phantasien.
Malen wurde seine Leidenschaft, außer den musischen Fächern interessierte
ihn die Schule kaum. Er war ein schlechter Schüler. Mit 14 reifte der Entschluß,
ein Popstar zu werden. Beat war groß im Schwunge, der Aufstieg von Kellerkindern
- beinahe über Nacht - zu Millionären war die große Sache jener
Tage. Als 17 jähriger fiel er der Schallplattenindustrie in die Hände,
die ihn gnadenlos vermarktete; er war nunmehr Produkt, ein Posten in der Warenliste
des Konzerns, eine willenlose Marionette, die zu hampeln hatte, wenn der Manager
an den Fäden zog. Zwar produzierte Stevens in dieser Zeit Hit auf Hit, doch
seelisch wurde er zum Wrack. Er begann zu saufen, Drogen zu nehmen. Im Sommer
1968 brach er zusammen. Sein zweiter Versuch im Musikbusiness - diesmal auf Chris
Blackwell´s Island Records - ließ sich denn auch besser an. Die Marionette
hatte ihre Fäden zerschnitten.
Was folgte, ist sattsam bekannt. Insgesamt 9 Langspielplatten, alles Topseller, eine ganze Stange von Hitsingles, erfolgreiche Tourneen kreuz und quer über den Erdball.
